
Berufsschule für Roboter? Wie it’s OWL humanoide Robotik, KI und neue Märkte zusammendenkt
Humanoide Roboter laufen, tanzen und sorgen für virale Videos. In der Industrie entscheidet sich ihr Wert aber nicht auf der Bühne, sondern in der Montage, Lagerlogistik und Fertigung. Auf der it’s OWL Strategietagung wurde deutlich: Für viele Unternehmen in OstWestfalenLippe ist humanoide Robotik kein ferner Hype mehr, sondern ein Thema mit dem sich die Unternehmen der Region beschäftigen. Genau dort setzt it’s OWL jetzt an und plant eine „gemeinsame Berufsschule für Roboter“.
Muss wirklich jedes Unternehmen eigene, teure und noch unreife humanoide Roboter anschaffen, um erste Erfahrungen zu sammeln? Aus it’s OWL Sicht nicht. Dr. Arno Kühn, Leiter Strategie it’s OWL, skizzierte stattdessen einen Shared-Ansatz. Unternehmen sollen Geräte, Wissen und vor allem Anwendungsfälle gemeinsam entwickeln.
Sein Bild dafür: eine „gemeinsame Berufsschule für Roboter“. Denn das neue Trend-Thema birgt einige Herausforderungen, die Unternehmen nicht alleine begegnen müssen. „Die Realität ist: Die Geräte sind noch etwas wackelig unterwegs. Gerade deshalb macht es Sinn, die Kräfte zu bündeln, solche Systeme gemeinsam zu erproben und Anwendungsfälle unternehmensübergreifend zu entwickeln“, sagt Dr. Arno Kühn, Leiter Strategie bei it’s OWL.
Roboter würden gemeinsam für Aufgaben, die in vielen Unternehmen ähnlich sind, etwa in der Vor-Montage oder in der Lagerlogistik trainiert. So lernen die Roboter nicht nur neue Fähigkeiten, sondern die Unternehmen auch voneinander. Acht Unternehmen seien dafür bereits an Bord.

Robotik als Zukunftsthema für OWL
„Es macht gar keinen Sinn, dass wir allein einen humanoiden Roboter anschaffen, auf dem noch keine Software läuft und der daher nicht besonders viel kann. Viel sinnvoller ist es, daran gemeinsam in einem Verbund zuarbeiten. Für uns ist das interessant, weil sich damit Prozesse verbessern lassen und weil wir unsere Produkte so weiterentwickeln müssen, dass sie automatisiert verarbeitet werden können“, sagt Dr. Jens Bunte aus der Unternehmensleitung von Böllhof.
Auch Dr. Stefan Breit, Geschäftsführer von Miele und Vorsitzender des Clusterboards, ist sich sicher: „Robotik ist ein Zukunftsthema für OWL. Vor dem Hintergrund zunehmender Automatisierung und Fachkräftemangel ist das ein großer Wachstumsmarkt, gerade für Automatisierung und Maschinenbau. Viele Entwicklungen finden jedoch außerhalb von Europa statt. Hier ist es erst recht wichtig, die Kräfte zu bündeln und bei it’s OWL gemeinsam vorzugehen.“
Industrielle Renaissance: ZukunftsforscherJan Berger fordert neue Märkte statt alter Gewissheiten
Hinter der Roboter-Debatte stand eine größere Frage: Wie sichern Unternehmen ihre Handlungsfähigkeit in einer Welt, in der alte Gewissheiten wegbrechen und neue Technologien wie KI und Robotik mit hohem Tempo in den Markt drängen?
Dr. Jan Berger, Gründer und Geschäftsführer von Themis Foresight, beschrieb diese Lage als Beginn einer „industriellen Renaissance“.
Die Jahre zwischen 1995 und 2020, so Berger, seien geprägt gewesen von billiger Energie aus Russland, billigen Waren aus China, billiger Sicherheit aus den USA und billigen Krediten der Zentralbanken. Diese Voraussetzungen seien heute nicht mehr da. Daraus leitete er keinen Rückzug ab, sondern einen Auftrag. Es gehe für Unternehmen um künftige Gestaltungsoptionen und darum, neue Märkte nicht nur zu beobachten, sondern aktiv mitzudenken.
Für Berger gibt es ein klares Zielbild für die Zukunft von deutschen und europäischen Unternehmen: „Wir wollen technologisch weltweit führend sein. Wir wollen Stoffkreisläufe schließen und nicht Fabriken. Und wir wollen nicht meckern, sondern klotzen.“

KI verändert die Spielregeln: Warum Agentic AI für den Mittelstand relevant wird
Um das zu erreichen, setzen viele Unternehmen bereits heute schon auf Künstliche Intelligenz. Stefan Breit, Geschäftsführer von Miele und Vorsitzender des Clusterboards, machte gleich zu Beginn der Strategietagung deutlich, wie schnell sich das Thema in den Unternehmen entwickelt. Vor einem Jahr hätten viele Unternehmen gerade erst begonnen zu verstehen, was mit generativer KI möglich ist. Nun gehe es bereits um Agentic AI und die Frage, wie sich diese Dynamik mit Produkten, Prozessen und den Menschen in den Unternehmen in OWL verbinden lässt.
Breit verband diesen Gedanken mit einem klaren Auftrag an die Region. KI müsse stärker genutzt werden, um Prozesse zu optimieren und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Gerade für das Engineering sehe er große Potenziale.
50.000 Start-ups gescoutet und 150 Kooperation in die Umsetzung gebracht: Stratosfare als it’s OWL Erfolgsbeispiel
Neben den laufenden KI-Projekten hält it’s OWL an seiner DNA intelligenter technischer Systeme fest, verschiebt den Schwerpunkt aber in Richtung gemeinsamer Erprobung, geteilter Infrastruktur und schnellerer Anwendung. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit der it’s OWL Initative Stratosfare bei der etablierte Unternehmen von Startup-Technologien profitieren.
Dort wurden bereits mehr als 50.000 Start-ups angeschaut und über 150 Kooperationen in die Umsetzung gebracht. Humanoide Robotik ist aus diesem Shared-Services-Gedanken heraus als neues Feld entstanden.

Fachkräfte, Transfer, Tempo: Was der Mittelstand jetzt wirklich braucht
Dass die Unternehmen die Lage breiter sehen als nur durch die Technologiebrille, zeigte schließlich der Paneltalk.
Sabine Brockschnieder, Geschäftsführerin von Bauformat Küchen, machte deutlich, dass neue Technologien allein nicht reichen. Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit hängen für sie vor allem daran, ob die Region gute Fachkräfte anzieht und hält.
Dr. Mareen Tack, Vice President bei WAGO, beschrieb Innovation als Gemeinschaftsleistung. Sie entsteht dort, wo Menschen für ein Thema brennen und die passenden Partner zusammenkommen, intern wie extern.

Dass Hochschulen für Unternehmen längst mehr sind als Ausbildungsorte, machte Ingeborg Schramm-Wölk (Präsidentin Hochschule Bielefeld und Vorsitzende Campus OWL) deutlich. So entwickeln die Hochschulen neue Kompetenzprofile, bauen ihre eigenen Strukturen um und wollen als verlässliche Partner im Transfer eng mit der Industrie zusammenarbeiten.
Günter Korder verdichtete das zum Schluss zu einem klaren Auftrag. „Neugier ist eine wichtige Grundvoraussetzung für Innovation. Wir müssen uns neuen Themen früher stellen, Technologien wie humanoide Robotik frühzeitig ausprobieren und zugleich mutiger werden, wenn es um riskantere Projekte geht. Gerade bei KI sollten wir schneller und manchmal auch radikaler vorgehen.“