
Transparenz als Hebel: Für Miele ist Nachhaltigkeit ein integraler Bestandteil guter Ingenieursarbeit
In vielen Entwicklungsprojekten entscheidet sich die Nachhaltigkeitsperformance eines Produkts bereits in der frühen Entwicklungsphase. Genau dort mangelt es häufig an der nötigen Transparenz: Welche Material- und Verbindungstechnik führt zu geringeren CO₂ Äquivalenten (CO₂e)? Wie steigt der Zirkularitätsgrad, ohne funktionale, mechanische oder ökonomische Anforderungen zu untergraben? Zentraler Aspekt des it’s OWL Projektes „Sustainable Lifecycle Engineering“ war daher für Miele, die relevanten Stellhebel früh und verständlich sichtbar zu machen – mit klaren Orientierungen, die in den Alltag der Entwicklung integrierbar sind und über den gesamten Lebenszyklus belastbare Entscheidungen ermöglichen.
Dieser Impuls ist maßgeblich für das Projekt Sustainable Lifecycle Engineering (SLE): weg vom Bauchgefühl, hin zu konsolidiertem Wissen über die Auswirkungen von Design- und Konstruktionsentscheidungen – insbesondere bei Materialien und Verbindungstechniken als Schlüssel für Reparierbarkeit und Wiederverwertung.
Fünf Handlungsfelder für nachhaltige Produktentwicklung
Bei Miele bestehende Design Guidelines und Life Cycle Assessments (LCAs) wurden gemeinsam erarbeiteten SLE-Lösungsansätzen gegenübergestellt und auf Basis einer kompakten und anwendungsnahen Empfehlung für nachhaltige Produktentwicklung konsolidiert.
Abgeleitet wurden fünf Handlungsfelder, die die Miele Nachhaltigkeitsstrategie widerspiegeln: Nutzerorientierte Nachhaltigkeit, Langlebigkeit, Reparaturfähigkeit, Energie- und Effizienzoptimierung sowie Nachhaltige Materialauswahl.
„Uns war wichtig, dass wir Entscheidungen nicht abnehmen, sondern ermöglichen. Mit klarer Transparenz zu CO₂e und Zirkularität schon in der Konzeptphase.“
Max Wagner, Director Sustainability Miele
Ziel ist, dass Entwicklerinnen und Entwickler schon früh abschätzen können, welche Wahl – etwa Rezyklat vs. Virgin Material – unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten die beste Wahl ist. Und dass sie zugleich die physikalischen, mechanischen und ökonomischen Anforderungen mitdenken. Die Empfehlung versteht sich als „softe“ Leitplanke: Sie liefert Kontext und Orientierung, ohne Entscheidungen vorwegzunehmen.
„Uns war wichtig, dass wir Entscheidungen nicht abnehmen, sondern ermöglichen. Mit klarer Transparenz zu CO₂e und Zirkularität schon in der Konzeptphase“, sagt Max Wagner, Director Sustainability Miele.
High-Impact-Komponenten gezielt identifizieren
Im Rahmen des Handlungsfelds „nachhaltige Materialauswahl“ werden bestehende und entstehende Produkte mit Blick auf CO₂e und Zirkularitätsgrade untersucht. Besonderes Augenmerk liegt auf High-Impact-Komponenten (im Sinne des Einflusses auf die CO₂e und Zirkularitätsgrade, nicht im Sinne der Schlagzähigkeit): Baugruppen, deren Material- und Konstruktionswahl die Umweltbilanz und Zirkularität besonders stark beeinflussen.
Mit Hilfe einer Eigenentwicklung lassen sich diese High-Impact-Komponenten nicht nur automatisiert identifizieren, sondern auch Reduktionspotenziale hinsichtlich der CO2e gezielt ermitteln. Dies geschieht unter Vorgabe definierter Eigenschaften, zum Beispiel E-Modul, Zugfestigkeit oder Dichte, bezogen auf ein konstantes Bauvolumen.

Ergebnisse und Nutzen
Aus dem Zusammenspiel aus SLE-Wissen, Miele Guidelines und LCA Daten ist eine greifbare Entwicklungsempfehlung entstanden, die Nachhaltigkeit und Engineering-Praktikabilität zusammenführt. Sie beschleunigt die Einschätzung zentraler Fragen – etwa beim Vergleich von Rezyklaten und Neumaterialien. Gleichzeitig verweist sie auf die typischen Trade offs: mechanische Eigenschaften, Verarbeitbarkeit, Kosten, Qualitätsstreuungen.
„Die Transparenz zu CO₂e und Zirkularität über den gesamten Lebenszyklus auch auf Bauteil- und Komponentenebene hilft enorm bei der Identifikation von High-Impact-Hebeln.“
Christian Neese, Projektleiter Miele
Ein konkretes Ergebnis sind vereinfachte Materialdiagramme, etwa für Kunststoffe, die die Auswahl systematisieren. Sie visualisieren, wo Rezyklate gegenüber Virgin Material CO₂e einsparen und wie sich Zirkularitätsgrade verändern – inklusive Hinweisen zur Verbindungstechnik, die Demontage, Reparaturfähigkeit und Wiederverwertung unterstützt.
„Die Transparenz zu CO₂e und Zirkularität über den gesamten Lebenszyklus auch auf Bauteil- und Komponentenebene hilft enorm bei der Identifikation von High-Impact-Hebeln“, sagt Christian Neese, Projektleiter Miele.
Design for Circularity in der Praxis
Die Miele Designstudie VOOPER, ein zirkulärer Staubsauger, veranschaulicht, wie „Design for Circularity“ in der Praxis aussehen kann: Verbindungskonzepte, modulare Bauweise und materialseitige Entscheidungen greifen ineinander, um Zirkularität und Langlebigkeit zu ermöglichen. Der VOOPER wurde auf der IFA 2024 vorgestellt. Die Studie verdeutlicht nicht nur Einsparpotenziale durch kreislauffähiges Design, sondern trug intern auch dazu bei, Kunststoffmaterialien auf 15 Prozent der bisherigen Menge zu reduzieren.
Überführung in Prozesse und Skalierung
Der nächste Schritt ist die Skalierung in die Praxis: Die Empfehlung und die Materialübersichten werden in Standard-Workflows, Frühphasen-Reviews und Schulungsformate integriert. Parallel wird die Datenbasis erweitert – CO₂e, Zirkularität, Demontagegrade, Rezyklatanteile, typische Qualitätsstreuungen und Kostenpfade – um die Vergleiche weiter zu präzisieren.
Pilotprojekte in unterschiedlichen Produktgruppen vertiefen die Erkenntnisse, etwa zu Demontagefreundlichkeit vs. Lebensdauer oder Rezyklatanteil vs. mechanische Performance.
Leitplanken für zirkuläres Produktdesign
Im Sinne von Design for Circularity werden spezifische Leitplanken definiert: bevorzugte Verbindungstechniken (z. B. Schraub-/Steck- statt Klebeverbindungen), modulare Architekturen, definierte Rückbaupfade und Ersatzteilstrategien, die Reparierbarkeit erhöhen. Flankierend entstehen Kennzahlen zur Wirkungsmessung – CO₂e Reduktion pro Gerät, Zirkularitätsgrade, Reparaturraten, Materialrückführungsquoten – und ein regelmäßiges Monitoring.
Mit der neuen Empfehlung legt Miele die Grundlage für eine entscheidungsstarke Nachhaltigkeit in der Produktentwicklung: transparent genug, um schnell zu handeln, und gleichzeitig flexibel, damit Technik, Kosten und Performance im Projektkontext ausbalanciert werden können.
Der VOOPER macht den Ansatz sichtbar, die vereinfachten Materialdiagramme machen ihn anwendbar – und die kommenden Pilotprojekte werden ihn weiter schärfen. So entsteht Schritt für Schritt eine Entwicklungsroutine, in der Nachhaltigkeit kein Zusatz, sondern ein integraler Bestandteil guter Ingenieursarbeit ist.