
10.000 Szenarien statt einer Annahme: Mit Greencase zirkuläre Geschäftsmodelle wirtschaftlich bewerten
Ein Unternehmen will Produkte nach der Nutzung zurücknehmen, aufarbeiten und erneut verkaufen. Doch wie viele Produkte kommen tatsächlich zurück? In welchem Zustand? Was kostet die Aufbereitung in fünf Jahren – und wie oft lässt sich ein Produkt erneut nutzen? Wer ein zirkuläres Geschäftsmodell plant, muss früh über Investitionen entscheiden, obwohl viele dieser Zahlen noch nicht feststehen. Im it’s OWL Projekt GoProZero wurde deshalb Greencase entwickelt. Das Werkzeug berechnet nicht nur einen Business Case, sondern simuliert tausende mögliche Entwicklungen.
Bei etablierten Geschäftsmodellen können Unternehmen häufig auf Erfahrungswerte zu Absatzmengen, Preisen, Kosten oder Erlösen zurückgreifen. Für neue zirkuläre Angebote fehlen solche Daten oft. Hinzu kommt: Ein Produkt verschwindet nach dem Verkauf nicht aus der Rechnung. Es kann zurückkommen, aufgearbeitet, erneut vermietet oder verkauft werden und mehrere Nutzungszyklen durchlaufen.
Jeder weitere Zyklus verändert Kosten und Erlöse. Rücknahme, Transport und Aufbereitung kosten Geld. Ein wiederaufbereitetes Produkt kann erneut Umsatz erwirtschaften. Ob diese Rechnung aufgeht, hängt unter anderem davon ab, wie viele Produkte tatsächlich zurückkommen und in welchem Zustand sie sind.
Eine klassische Wirtschaftlichkeitsrechnung stößt dabei schnell an Grenzen. Wird beispielsweise mit einer Rücklaufquote von 70 Prozent gerechnet, erscheint diese Zahl im Business Case als feste Größe. In einer frühen Entwicklungsphase weiß das Unternehmen möglicherweise aber nur, dass die tatsächliche Quote irgendwo zwischen 50 und 80 Prozent liegen könnte.
Greencase lässt diese Unsicherheit in der Rechnung stehen. „Bei zirkulären Geschäftsmodellen fehlen am Anfang oft genau die Zahlen, die Unternehmen für eine Wirtschaftlichkeitsrechnung brauchen. Greencase hilft uns, mit dieser Unsicherheit zu rechnen, statt sie hinter festen Annahmen zu verstecken“, sagt Lisa Petzke, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Heinz Nixdorf Institut.
Kurz erklärt: Greencase im Video
https://www.youtube.com/shorts/eYTHtg5B9KM
Von der Geschäftsidee zum Rechenmodell
Am Anfang steht keine komplizierte Finanzmaske, sondern das Geschäftsmodell. In einem digitalen Circular Business Model Canvas beschreiben Anwender:innen beispielsweise das Wertversprechen, Partner, Aktivitäten, Kosten und Erlösquellen. Hinzu kommen Fragen, die für die Kreislaufwirtschaft besonders wichtig sind: Wie kommt das Produkt zurück? Was passiert nach der ersten Nutzung? Welche weiteren Lebenszyklen sind vorgesehen?
Ein KI-Assistent hilft dabei, die Angaben zu strukturieren. Eine Geschäftsidee kann zunächst in natürlicher Sprache beschrieben werden. Greencase ordnet Informationen den Bereichen des Geschäftsmodells zu und weist auf fehlende Angaben hin.
Aus diesen Informationen entsteht Schritt für Schritt ein wirtschaftliches Simulationsmodell. Dabei wird unterschieden zwischen Größen, die bereits bekannt sind, und solchen, die noch schwanken können. Für unsichere Werte lassen sich deshalb statt einer einzigen Zahl Wahrscheinlichkeitsverteilungen hinterlegen – beispielsweise Gleich-, Dreiecks- oder Normalverteilungen.
Die Vorschläge der KI bleiben überprüfbar. Variablen, Verteilungen, Abhängigkeiten und Berechnungen können von den Anwender:innen angepasst oder verworfen werden. Welche Annahmen am Ende in die Rechnung eingehen, entscheidet weiterhin der Mensch.
10.000 Szenarien zeigen, wie robust der Business Case ist
Für die Berechnung nutzt Greencase eine Monte-Carlo-Simulation. Das Verfahren berechnet nicht nur eine Kombination der getroffenen Annahmen, sondern standardmäßig 10.000 unterschiedliche Szenarien. Bei jedem Durchlauf verändern sich die unsicheren Größen innerhalb der zuvor festgelegten Verteilungen.
So kann ein Szenario mit hoher Rücklaufquote und niedrigen Aufbereitungskosten auf eines treffen, in dem weniger Produkte zurückkommen und die Aufbereitung deutlich teurer wird.
Am Ende steht deshalb nicht nur ein einzelner Kapitalwert. Unternehmen sehen, in welchem Bereich sich das Ergebnis wahrscheinlich bewegt, wie stark die Werte schwanken und wie groß das wirtschaftliche Risiko eines Geschäftsmodells ist.
Eine Sensitivitätsanalyse zeigt zusätzlich, welche Annahmen das Ergebnis besonders stark beeinflussen. Vielleicht ist nicht der Verkaufspreis der kritische Faktor, sondern die Rücklaufquote. Oder die Rechnung kippt vor allem dann, wenn die Aufbereitungskosten eine bestimmte Höhe überschreiten.
Für Projektteams ist diese Information wertvoll. Statt lange darüber zu diskutieren, ob beispielsweise eine Rücklaufquote von 65 oder 70 Prozent die richtige Annahme ist, können sie zunächst klären, wie stark diese Größe die Wirtschaftlichkeit überhaupt beeinflusst – und wo genaueres Wissen tatsächlich gebraucht wird.
Wenn sich eine Investition erst Jahre später auszahlt
Bei zirkulären Geschäftsmodellen kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu: Einnahmen und Ausgaben verschieben sich über die Zeit. Ein Produkt wird heute verkauft oder vermietet, kehrt aber möglicherweise erst Jahre später zurück. Erst dann entstehen Kosten für Logistik und Aufbereitung – und anschließend Erlöse aus einem weiteren Nutzungszyklus.
Greencase kann solche Entwicklungen über mehrere Perioden simulieren. Cashflows und Kapitalwerte lassen sich so über einen längeren Planungshorizont betrachten.
Eine zirkuläre Lösung kann dadurch im ersten Jahr zusätzliche Kosten verursachen und sich erst durch Rückläufe, Wiederaufbereitung und weitere Nutzungszyklen später auszahlen. Gerade die Möglichkeit, diese zeitliche Entwicklung abzubilden, wurde von Industrievertreter:innen bei einer ersten Evaluation von Greencase besonders positiv bewertet.
Die Befragten bescheinigten dem Werkzeug insgesamt eine hohe Verständlichkeit, Benutzerfreundlichkeit, Anwendbarkeit und Nützlichkeit. Für die weitere Entwicklung ist vor allem interessant, ob sich dieser Eindruck auch beim Einsatz mit realen Geschäftsmodellen bestätigt.
Von der Dissertation in die Industrie
Die Grundlagen für Greencase entstanden im Zuge der Dissertation von Anja Rasor, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Heinz Nixdorf Institut der Universität Paderborn. An der Entwicklung des Tools war zudem der AI Marketplace beteiligt.
Im it’s OWL Projekt GoProZero wurde der Ansatz auf die besonderen Anforderungen zirkulärer Geschäftsmodelle zugeschnitten. Gemeinsam mit den Projektpartnern reflektierte und evaluierte das Team das Werkzeug mit den sechs Industrieunternehmen der GoProZero-Leuchtturmprojekte.
Jetzt folgt die Anwendung auf konkrete Geschäftsmodelle. DENIOS, WAGO und Weidmüller arbeiten in Workshopreihen mit Greencase. Die Teams strukturieren zunächst ihre Geschäftsideen, bestimmen wichtige wirtschaftliche Einflussgrößen und diskutieren, welche davon noch unsicher sind. Anschließend lassen sich unterschiedliche Annahmen simulieren und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen vergleichen.
Das Werkzeug liefert dabei keine Prognose, wie sich ein Geschäftsmodell tatsächlich entwickeln wird. Es zeigt, unter welchen Bedingungen die Rechnung aufgehen kann und welche Annahmen dafür besonders wichtig sind.
Auch in den Workshops ist das hilfreich. Wenn technische, wirtschaftliche und strategische Verantwortliche gemeinsam auf dieselben Annahmen und Simulationsergebnisse schauen, wird sichtbar, an welchen Stellen noch Wissen fehlt und welche Faktoren vor einer Investitionsentscheidung genauer untersucht werden sollten.
Greencase am 1. Oktober kennenlernen
Wie sich zirkuläre Geschäftsmodelle trotz unsicherer Daten wirtschaftlich bewerten lassen, zeigt it’s OWL am 1. Oktober 2026 in einer digitalen Veranstaltung. Lisa Petzke vom Heinz Nixdorf Institut stellt Greencase vor. Weitere Perspektiven kommen von Rebecca Tauer vom WWF Deutschland, Sina-Marie Schneider von WAGO und Udo Roth von DENIOS.
Die Veranstaltung findet von 15 bis 16.30 Uhr online statt. Die Teilnahme ist kostenfrei. Weitere Informationen und Anmeldung