Neues Orientierungstool für die Kreislaufwirtschaft: 61 Kompetenzen zeigen, was Unternehmen für die Umsetzung brauchen

Welche Fähigkeiten braucht ein Unternehmen, um Produkte länger zu nutzen, zu reparieren, wiederaufzuarbeiten oder zu recyceln? Das it’s OWL Projekt GoProZero übersetzt die komplexen Anforderungen der Kreislaufwirtschaft in ein praxisnahes Werkzeug: Eine filterbare Matrix ordnet 61 relevante Kompetenzen aus 13 Handlungsfeldern den neun R-Strategien zu. Unternehmen erhalten damit eine strukturierte Grundlage, um ihre vorhandenen Fähigkeiten und Entwicklungsbedarfe zu prüfen.

Kreislaufwirtschaft bietet Unternehmen unterschiedliche Wege, Ressourcen zu schonen und Produkte länger in der Wertschöpfung zu halten. Die sogenannten R-Strategien reichen von Refuse und Reduce über Reuse, Repair und Remanufacture bis zum Recycling.

Welche Strategie für ein Unternehmen geeignet ist, hängt unter anderem vom Produkt, vom Geschäftsmodell und von der eigenen Rolle im Wertschöpfungsnetzwerk ab. Mit der Entscheidung für eine Strategie beginnt jedoch erst die organisatorische Arbeit: Welche Fähigkeiten sind bereits vorhanden? Welche Prozesse müssen angepasst werden? Und welche Aufgaben lassen sich nur gemeinsam mit Partnern lösen?

Der neue Lösungsbaustein aus dem it’s OWL Projekt GoProZero unterstützt Unternehmen dabei, diese Fragen systematisch zu bearbeiten. Die filterbare Kompetenzmatrix auf der it’s OWL Innovationsplattform beschreibt 61 Kompetenzen und ordnet sie den R-Strategien sowie 13 Handlungsfeldern zu.

Kreislaufwirtschaft betrifft das ganze Unternehmen

Die Matrix macht deutlich, dass zirkuläre Wertschöpfung nicht allein in der Produktentwicklung oder Produktion entsteht. Je nach gewählter Strategie sind auch Geschäftsplanung, Beschaffung, Controlling, Logistik, Service, Marketing, Unternehmenskultur und die Zusammenarbeit mit Wertschöpfungspartnern gefragt.

Soll ein Produkt beispielsweise repariert werden können, reicht eine demontagegerechte Konstruktion nicht aus. Unternehmen benötigen unter anderem technische Produktinformationen, Diagnosemöglichkeiten, verfügbare Ersatzteile und geeignete Serviceprozesse. Auch die Rückführung gebrauchter Produkte und die Abstimmung mit externen Partnern können eine Rolle spielen.

Zirkuläre Strategien können zudem das Geschäftsmodell eines Unternehmens verändern. Wenn Produkte repariert, zurückgenommen, erneut angeboten oder über längere Zeit begleitet werden, gewinnen Serviceprozesse, Produktdaten und langfristige Kundenbeziehungen an Bedeutung. Der Kompetenzbedarf entsteht deshalb nicht nur durch technische Änderungen am Produkt, sondern auch durch neue Aufgaben in Organisation und Wertschöpfung.

Für andere R-Strategien verändern sich die Anforderungen. Bei Reduce geht es beispielsweise darum, den Ressourcenverbrauch über den Produktlebenszyklus zu erfassen und zu verringern. Beim Recycling rücken dagegen die Trennung, Sortierung und Rückführung von Materialien in den Mittelpunkt.

„Mit der Kompetenzmatrix können Unternehmen systematisch diskutieren, welche Fähigkeiten sie für ihre zirkulären Strategien bereits besitzen und wo noch Entwicklungs- oder Kooperationsbedarf besteht“, sagt Lisa Petzke, Projektkoordinatorin von GoProZero und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Heinz Nixdorf Institut.

So können Unternehmen mit der Matrix arbeiten

Die Kompetenzmatrix ist kein automatisches Bewertungssystem und gibt keinen einheitlichen Transformationsweg vor. Sie bietet Unternehmen eine strukturierte Arbeitsgrundlage für die interne Bestandsaufnahme.

Nutzer:innen können nach einer R-Strategie oder einem Handlungsfeld filtern und sich die jeweils relevanten Kompetenzen anzeigen lassen. Die Beschreibungen helfen dabei, die Anforderungen gemeinsam mit den beteiligten Fachbereichen zu diskutieren.

So lassen sich zentrale Fragen gezielter bearbeiten: Welche Kompetenzen sind im Unternehmen bereits vorhanden? Wo müssen Wissen, Prozesse oder technische Voraussetzungen aufgebaut werden? Welche Aufgaben sollten intern verankert und welche gemeinsam mit Partnern im Wertschöpfungsnetzwerk gelöst werden?

Die Ergebnisse können beispielsweise in Strategie-, Entwicklungs- oder Qualifizierungsprozesse einfließen. Sie helfen den beteiligten Bereichen, ein gemeinsames Verständnis der Anforderungen zu entwickeln und mögliche Kompetenzlücken, Weiterbildungsbedarfe oder Kooperationsfelder zu diskutieren. Welche Maßnahmen daraus folgen, muss jedes Unternehmen anhand seiner Produkte, Prozesse und Ziele selbst entscheiden.

Bei ausgewählten Kompetenzen nennt die Matrix zudem mögliche Ressourcen und Voraussetzungen. Dazu gehören beispielsweise Datenmanagementsysteme, Konstruktionswerkzeuge, Materialflussanalysen sowie Mess-, Monitoring- oder Diagnosesysteme.

Aus Projektwissen wird eine Arbeitsgrundlage für die Industrie

Im it’s OWL Projekt GoProZero entwickeln Forschungseinrichtungen gemeinsam mit Unternehmen wie CLAAS, DENIOS, GEA, HARTING, WAGO und Weidmüller Methoden und digitale Werkzeuge für ressourceneffiziente und kreislauffähige Produkte. In sechs Leuchtturmprojekten werden die Ansätze in der industriellen Praxis erprobt.

Die Ergebnisse sollen nicht bei den beteiligten Projektpartnern bleiben. Über die it’s OWL Innovationsplattform werden Lösungsbausteine wie die Kompetenzmatrix auch anderen Unternehmen zugänglich gemacht. So entsteht aus Forschungs- und Projektwissen eine konkrete Grundlage, mit der Industrieunternehmen ihren eigenen Weg zur Kreislaufwirtschaft strukturieren können.

Zur Kompetenzmatrix

Mehr zum Thema „Aus unseren Projekten“