
„China bleibt ein Markt, auf den man nicht verzichten kann“
China wächst langsamer, der Immobilienmarkt steckt in der Krise und der private Konsum schwächelt. Gleichzeitig investiert das Land gezielt in Künstliche Intelligenz, Robotik und eine intelligentere Produktion. Für deutsche Industrieunternehmen entsteht daraus eine neue Situation: Sie treffen in China nicht mehr nur auf Kunden und Produktionsstandorte, sondern zunehmend auf technologisch starke Wettbewerber. Christina Otte, Chief Representative Trade Information bei Germany Trade & Invest in Shanghai, erklärt im Interview, warum China für Unternehmen zugleich Markt, Wettbewerber und Innovationsstandort ist und weshalb sich deutsche Unternehmen genauer denn je mit den technologischen Entwicklungen im Land beschäftigen sollten.
Frau Otte, Sie beschäftigen sich seit rund 20 Jahren mit China und leben seit August selbst wieder in Shanghai. Was hat Sie bei Ihrer Rückkehr am meisten überrascht?
Die Digitalisierung. Das ist wahrscheinlich auch das, was vielen Menschen zuerst auffällt, wenn sie nach China kommen.
Als ich vor rund 20 Jahren hier studiert habe, bin ich zur Bank gegangen, um Renminbi-Scheine zu bekommen, und habe anschließend mit Bargeld bezahlt. Seit ich im August wieder nach China gekommen bin, habe ich praktisch kein Bargeld mehr benutzt. Nahezu alles über das Smartphone.
Aber es geht längst über Bezahlen hinaus. In Hotels und Restaurants begegnen einem Serviceroboter. In Peking kann man in bestimmten Gebieten autonome Fahrzeuge sehen. Man steht dort neben einem Auto, in dem kein Mensch mehr sitzt. Technologien, über die wir in Deutschland noch intensiv diskutieren, werden hier teilweise bereits praktisch erprobt.
Was fällt Ihnen beim Umgang mit neuen Technologien in China besonders auf?
Ich erlebe eine große Offenheit. Viele Menschen sind bereit, neue Technologien zunächst einmal auszuprobieren.
Bei KI oder autonomen Fahrzeugen höre ich hier weniger schnell die Frage, ob man das überhaupt machen kann. Mein Eindruck ist, dass Dinge eher praktisch erprobt werden, bevor alles vollständig ausreguliert und ausgetestet ist.
Gleichzeitig wird derzeit viel über die schwächere chinesische Wirtschaft gesprochen. Wie passt dieses Bild zur technologischen Dynamik, die Sie beschreiben?
Man muss diese Entwicklungen nebeneinander betrachten.
Die Zeit zweistelliger Wachstumsraten ist vorbei. Für dieses Jahr wird mit einem Wirtschaftswachstum von ungefähr viereinhalb Prozent gerechnet. Gleichzeitig gibt es strukturelle Probleme. Der Immobiliensektor befindet sich weiterhin in einer schwierigen Situation, die Bevölkerung altert und die Konsumstimmung ist verhalten.
Gerade der Immobilienmarkt ist wichtig, weil daran sehr viel hängt. Immobilien waren für viele Menschen eine wichtige Form der Vermögensbildung und Altersvorsorge. Die Kommunen wiederum haben über Landverkäufe Einnahmen erzielt. Wenn dieses System schwächelt, wirkt sich das auf viele andere Bereiche aus.
Auch beim Konsum zeigt sich die Zurückhaltung. Die Einzelhandelsumsätze sind von Januar bis August nur um 1,1 Prozent gestiegen.
Das klingt zunächst nicht nach einem Markt, in dem deutsche Industrieunternehmen besonders euphorisch investieren sollten.
Deshalb muss man zwischen dem Binnenmarkt und dem Industriesektor unterscheiden.
Wir sehen auf der einen Seite einen schwächeren Binnenmarkt. Auf der anderen Seite hat China eine sehr wettbewerbsfähige Industrie und Außenwirtschaft. Genau dort investiert die Regierung weiterhin sehr gezielt.
Im neuen Fünfjahresplan spielen Zukunftstechnologien eine zentrale Rolle. Dazu gehören unter anderem Halbleiter, Luft- und Raumfahrt, grüner Wasserstoff, Medizintechnik und Embodied Intelligence, also unter anderem humanoide Robotik.
Gleichzeitig geht es nicht ausschließlich um spektakuläre Zukunftstechnologien. China möchte auch die Grundlagenfähigkeiten der Industrie weiterentwickeln. Dazu gehören beispielsweise Sensorik, Steuerungstechnik, Industriesoftware, Werkzeugmaschinen, Spezialmaschinen und ganze Prozessanlagen.
Ist das der entscheidende Punkt für die deutsche Industrie: China will nicht nur bei KI aufholen, sondern bei der gesamten industriellen Wertschöpfung?
Ja. Smart Production, also eine stärker digitalisierte und intelligente Produktion, ist ein wichtiges Thema.
Man sollte sich deshalb nicht ausschließlich die großen Überschriften eines Fünfjahresplans anschauen. Interessant sind auch die branchenspezifischen Pläne, die anschließend entstehen. Dort lässt sich relativ gut erkennen, welche Fähigkeiten China in einem bestimmten Sektor gezielt aufbauen möchte.
Das ist für deutsche Unternehmen wichtig, weil daraus Chancen und Wettbewerb gleichzeitig entstehen können.
Was hat sich gegenüber der Situation vor 20 Jahren am stärksten verändert?
Früher kamen viele deutsche Unternehmen mit einem deutlichen Technologie- und Qualitätsvorsprung nach China.
Diese Situation hat sich verändert. Heute steht der Wettbewerb mit chinesischen Unternehmen viel stärker im Vordergrund.
In einer Umfrage der deutschen Auslandshandelskammer erwarten 60 Prozent der befragten deutschen Unternehmen, dass chinesische Unternehmen über kurz oder lang Innovationsführer in ihrer jeweiligen Branche werden.
Das betrifft längst nicht nur die Automobilindustrie. Auch im Maschinenbau, in der Automatisierungstechnik, der Umwelttechnik und anderen Hightech-Bereichen entstehen sehr leistungsfähige chinesische Anbieter.
Dann müsste eine Delegationsreise wie diese heute weniger fragen, wie China deutsche Technologie einsetzen kann, sondern stärker danach schauen, was deutsche Unternehmen von China lernen können.
Das ist ein wichtiger Teil davon. Wer technologische Entwicklungen verstehen möchte, sollte heute sehr genau beobachten, was in China passiert. China ist nicht mehr nur Absatz- und Produktionsstandort, sondern zunehmend auch Innovationsstandort.
Das bedeutet nicht, dass jede Entwicklung hier automatisch besser ist. Aber China besitzt eine enorme industrielle Basis, einen großen Markt und eine hohe Geschwindigkeit bei der Umsetzung neuer Technologien.
Wenn eine Technologie hier in die Breite kommt, kann das sehr schnell Auswirkungen auf den internationalen Wettbewerb haben.
Sie wagen eine ziemlich weitreichende Prognose für 2035. Was erwarten Sie?
Ich würde die Prognose wagen, dass China das erste Land sein wird, dem es gelingt, bis 2035 flächendeckend smart zu produzieren.
Dazu passt, wie stark derzeit beispielsweise die Robotik wächst. Die Produktion von Industrierobotern ist von Januar bis August um 29 Prozent gestiegen.
Entscheidend ist aber nicht nur ein einzelner Roboter. Es geht um das gesamte industrielle System und darum, Produktion intelligenter, stärker automatisiert und digital vernetzt aufzubauen.
Genau deshalb finde ich interessant, dass der Fünfjahresplan nicht nur einzelne Zukunftstechnologien benennt, sondern gleichzeitig auch industrielle Grundlagen adressiert.
Humanoide Robotik ist dabei eines der Felder, das China ausdrücklich fördert. Wie ernst sollten deutsche Industrieunternehmen diese Entwicklung nehmen?
Sehr ernst. Embodied Intelligence ist ausdrücklich als Zukunftstechnologie benannt. Gleichzeitig sieht man hier die industrielle Basis und die Bereitschaft, Technologien praktisch auszuprobieren.
Es ist deshalb sinnvoll, sich nicht nur anzuschauen, was humanoide Roboter heute schon zuverlässig können. Interessanter ist auch, wie schnell sich Technologien weiterentwickeln, wenn Unternehmen sie früh einsetzen, erproben und in industrielle Strukturen integrieren.
Eine Grenze für Chinas technologische Entwicklung sind die Exportbeschränkungen bei leistungsfähigen Halbleitern. Wie stark bremst das das Land?
Bei den leistungsfähigsten Chips ist das sicherlich eine Einschränkung.
Man muss allerdings unterscheiden, für welche Anwendung die Chips benötigt werden. In industriellen Anwendungen braucht man teilweise andere Halbleiter als beispielsweise in Smartphones oder bei den leistungsfähigsten KI-Anwendungen. Dort können auch Chips eingesetzt werden, die größer sind oder nicht zur absoluten technologischen Spitze gehören.
Deshalb hören wir aus der Industrie nicht grundsätzlich, dass die Verfügbarkeit von Halbleitern jede industrielle Anwendung verhindert.
Gleichzeitig erzeugen die Beschränkungen natürlich einen zusätzlichen Anreiz, eigene technologische Fähigkeiten aufzubauen. Und dort haben chinesische Hersteller in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht.
Deshalb sollte man nicht davon ausgehen, dass bestehende technologische Lücken automatisch dauerhaft bestehen bleiben.
Was bedeutet diese Entwicklung für einen deutschen Mittelständler, der bisher vor allem aus Deutschland nach China exportiert?
Das wird schwieriger. Der chinesische Markt setzt zunehmend auf lokale Wertschöpfung und den Aufbau eigener technologischer Kompetenzen. Für ausländische Unternehmen werden deshalb Kundennähe, lokale Entwicklungskompetenz und lokale Produktion wichtiger als früher.
Ein reiner Exportansatz aus Deutschland heraus wird dadurch zunehmend anspruchsvoller.
Gleichzeitig muss jedes Unternehmen sehr genau prüfen, wie viel Lokalisierung für das eigene Geschäftsmodell sinnvoll ist. Es gibt keine Antwort, die für alle gilt.
Lokalisierung bedeutet aber auch, eigenes Know-how stärker in China aufzubauen. Wie löst ein Unternehmen diesen Konflikt?
Das ist heute Teil des Risikomanagements. Unternehmen müssen Chancen und Risiken gleichzeitig betrachten. Dazu gehören geistiges Eigentum, regulatorische Anforderungen, Exportkontrollen, kritische Rohstoffe und unterschiedliche Rechtsvorschriften zwischen China, Europa und den USA.
Das Chinageschäft ist dadurch komplexer geworden.
Die Frage lautet deshalb nicht einfach: Wie viel können wir lokalisieren? Sondern auch: Welche Fähigkeiten müssen wir lokal aufbauen, welche wollen wir schützen und welche Abhängigkeiten entstehen daraus?
Man hört gleichzeitig von deutschen Unternehmen, dass chinesische Partner heute weniger kompromissbereit seien als früher. Erleben Sie das auch so?
Die Ausgangslage hat sich verändert. Früher waren chinesische Unternehmen teilweise stärker auf ausländische Partner angewiesen, um Technologie und Know-how zu bekommen. Diese Abhängigkeit ist heute geringer.
Das verändert natürlich auch Verhandlungen. Ich würde daraus aber nicht schließen, dass Partnerschaften grundsätzlich weniger relevant werden. Im Gegenteil. Gerade wenn chinesische Unternehmen international expandieren, können Partnerschaften wieder sehr interessant sein.
Ein deutsches Unternehmen kann beispielsweise eine etablierte Marke, Kundenbeziehungen oder ein bestehendes Service- und Zuliefernetzwerk besitzen.
Der Charakter der Partnerschaft verändert sich also. Sie entsteht weniger daraus, dass eine Seite technologisch auf die andere angewiesen ist, und stärker daraus, dass beide Seiten unterschiedliche Fähigkeiten einbringen.
Wie offen sind chinesische Unternehmen heute noch für Besucher und mögliche Partner aus Deutschland?
Grundsätzlich gibt es weiterhin offene Türen. Man sollte sich aber darauf einstellen, dass die Gesprächspartner sehr gut informiert sind.
Gleichzeitig erleben wir, dass es schwieriger geworden ist, Termine und Interviews mit Unternehmen zu bekommen. Das merken wir auch bei unseren eigenen Marktrecherchen.
Dazu kommt, dass die europäische Diskussion über chinesische Unternehmen, Investitionen und Komponenten kritischer geworden ist. Das wird natürlich auch in China wahrgenommen. Die Beziehung ist also anspruchsvoller geworden.
Trotz all dieser Risiken sagen Sie, dass China für deutsche Unternehmen nicht außer Acht gelassen werden kann. Warum?
Man muss sich die Dimension ansehen. China besitzt eine enorme industrielle Basis und ist einer der größten Industriemärkte der Welt. Gleichzeitig ist die Modernisierung der chinesischen Industrie noch lange nicht abgeschlossen.
Es wird weiter in Automatisierung, Digitalisierung und Dekarbonisierung investiert. Für viele deutsche Mittelständler gibt es Technologien und Speziallösungen, die in diesen Feldern weiterhin gefragt sein können.
Deshalb bleibt China trotz aller Herausforderungen ein Markt, auf den man nicht verzichten kann.
Damit verschiebt sich die strategische Frage für deutsche Unternehmen?
Ja. Die Frage lautet heute meist nicht mehr, ob man sich mit China beschäftigen sollte.
Die wichtigere Frage lautet: Wie positioniert man sich in einem Markt, der sich so schnell verändert wie kaum ein anderer auf der Welt?
Unternehmen müssen Chancen und Risiken gleichermaßen betrachten und entscheiden, wie viel Lokalisierung, Kundennähe und Marktpräsenz für ihr jeweiliges Geschäftsmodell sinnvoll sind.
Was sollten die Unternehmen der Delegation nach einigen Tagen in China mit nach Deutschland nehmen?
Sie sollten sehr genau hinschauen und nicht nur prüfen, welche Technologie heute schon perfekt funktioniert.
Interessant ist, welche Technologien ausprobiert werden, wie schnell Unternehmen lernen, welche Ökosysteme entstehen und wo die chinesische Industrie ihre heutigen Lücken gezielt schließen möchte.
China bleibt Absatz- und Produktionsstandort. Aber wer das Land nur aus dieser Perspektive betrachtet, verpasst einen wesentlichen Teil der Entwicklung.
China ist zunehmend auch Innovationsstandort. Wer technologische Entwicklungen verstehen möchte, sollte deshalb die Trends in China aufmerksam beobachten.