
20.000 Roboter gebaut: Wie weit ist Chinas Robotik-Aufsteiger Agibot wirklich?
Der chinesische Robotikhersteller Agibot ist innerhalb von dreieinhalb Jahren zu einem der größten Anbieter humanoider Roboter aufgestiegen. Die Maschinen können laufen, Gegenstände greifen und erste Aufgaben in Fabriken übernehmen. Doch zwischen einer überzeugenden Vorführung und einem wirtschaftlichen Einsatz liegt noch ein weiter Weg. Ein Blick auf ein Unternehmen, das zeigt, wie schnell China in der Robotik vorankommt und wo die Grenzen der Technologie liegen.
Am Eingang bedient ein Roboter einen Kiosk. In der Empfangshalle begrüßen weitere Maschinen die Besucher. Auf einem vierbeinigen Roboter kann man sogar reiten. Eine Etage höher läuft ein humanoider Roboter durch einen Hindernisparcours, ein anderer malt Bilder, ein dritter gibt Kaffee aus. Auf einem Bildschirm ist eine Produktionslinie mit zahlreichen Robotern zu sehen.
Im Showroom von Agibot in Shanghai wird deutlich, wie breit sich der chinesische Hersteller inzwischen aufgestellt hat. Die Maschinen laufen, greifen, balancieren und interagieren mit Menschen. Für unterschiedliche Tätigkeiten entwickelt das Unternehmen verschiedene Roboterplattformen. Die Vorführungen vermitteln einen Eindruck davon, wie schnell sich die Technologie verändert.
Was dabei leicht in den Hintergrund gerät: Agibot ist noch ein ausgesprochen junges Unternehmen. Erst im Februar 2023 gegründet, hat der Hersteller innerhalb von gut dreieinhalb Jahren eine beachtliche Produktionsgröße erreicht. Im September 2026 verließ nach Unternehmensangaben der 20.000. Roboter die Fertigung. Ende Juni waren es noch 15.000 gewesen.

Auch bei den Auslieferungen gehört Agibot inzwischen zu den größten Anbietern weltweit. Laut dem Marktforschungsunternehmen IDC lieferte das Unternehmen im ersten Halbjahr 2026 mehr als 8.600 humanoide Roboter aus. Das entspricht etwa 35 Prozent des Weltmarktes. Die Marktforscher ermittelten für diesen Zeitraum insgesamt knapp 25.000 ausgelieferte Systeme.
Die Zahlen zeigen, wie schnell Agibot seine Produktion und sein Geschäft ausgebaut hat. Sie sagen allerdings noch wenig darüber aus, wie viele der Maschinen tatsächlich produktive Tätigkeiten übernehmen.
Der Markt wächst schneller als die industrielle Nutzung
Die internationale Robotikbranche erlebt derzeit einen Wachstumsschub. Nach IDC-Angaben stiegen die weltweiten Auslieferungen humanoider Roboter im ersten Halbjahr 2026 um mehr als 400 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Doch die Abnehmer kommen bislang überwiegend nicht aus der klassischen industriellen Fertigung. Rund 69 Prozent der weltweit ausgelieferten Systeme gingen in die Bereiche Forschung und Bildung, Vorführungen und Veranstaltungen sowie staatliche Einrichtungen zur Erfassung von Robotikdaten. Im Jahr 2025 hatte dieser Anteil noch knapp 84 Prozent betragen.
Der Markt bewegt sich damit zunehmend in Richtung kommerzieller und industrieller Anwendungen. Noch immer dienen jedoch viele Maschinen dazu, Technologien zu erproben, Daten zu sammeln oder ihre Fähigkeiten zu demonstrieren.

Auch Agibot bedient sehr unterschiedliche Märkte. Im September kündigte das Unternehmen an, mehr als 300 Roboter in einem chinesischen Freizeitpark einzusetzen. Sie sollen dort unter anderem Aufgaben in der Unterhaltung, Besucherbetreuung und im Service übernehmen.
Solche Anwendungen zeigen, dass Roboter auch außerhalb von Forschungslaboren eingesetzt werden. Ihre Anforderungen unterscheiden sich jedoch erheblich von denen einer industriellen Fertigung. Ein Roboter, der Besucher begrüßt, muss andere Aufgaben lösen als einer, der Bauteile im vorgegebenen Takt einer Produktionslinie handhabt.
Genau hier liegt eine der entscheidenden Fragen für die nächste Entwicklungsphase der Branche: Wie schnell gelingt der Übergang von vielseitigen Demonstrationen zu zuverlässig arbeitenden Maschinen, deren Einsatz sich wirtschaftlich rechnet?
Acht Roboter in einer laufenden Produktionslinie
Dass Agibot inzwischen auch industrielle Anwendungen vorweisen kann, zeigt eine Zusammenarbeit mit dem chinesischen Elektronikhersteller Longcheer Technology.
In dessen Werk in Nanchang wurden acht Agibot-Roboter des Typs G2 in eine Produktionslinie für Tablets integriert. Sie übernehmen dort wiederkehrende Aufgaben, etwa das Aufnehmen, Umsetzen und Sortieren von Geräten im Zusammenhang mit der Qualitätsprüfung.
Anders als die zweibeinigen Modelle im Showroom besitzen diese Roboter einen menschenähnlichen Oberkörper mit zwei Armen, bewegen sich aber auf einer fahrbaren Plattform. In einer barrierefreihen Fabrikhalle kann das zweckmäßiger sein als das Laufen auf zwei Beinen.

Im Juni 2026 übertrug Longcheer die Arbeit der acht Roboter über sechs Tage hinweg in einem Livestream. Zusammen kamen nach Angaben des Unternehmens mehr als 64 Betriebsstunden und rund 64.800 ausgeführte Arbeitsvorgänge zustande. Die gemeldete Erfolgsquote lag bei 99,99 Prozent.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu einer isolierten Demonstration. Die Roboter waren in bestehende Produktionsabläufe integriert und mussten mit der vorhandenen Technik zusammenarbeiten.
Allerdings bleiben auch hier Fragen offen. Die veröffentlichten Betriebsdaten stammen vom Anwenderunternehmen. Sie erlauben noch keine unabhängige Bewertung der Wirtschaftlichkeit. Wie hoch der Wartungsaufwand ist, wie häufig Menschen eingreifen müssen und welche Kosten gegenüber herkömmlichen Automatisierungslösungen entstehen, lässt sich daraus nicht zuverlässig ableiten.
Was zwischen Vorführung und Fabrikalltag liegt
Wie groß der Fortschritt bei der Robotik inzwischen ist, zeigt sich besonders an der Bewegungssteuerung. Die Maschinen können ihre Körperhaltung zunehmend besser stabilisieren und äußere Einflüsse ausgleichen. Der Hindernisparcours bei Agibot vermittelt einen Eindruck davon, welche Bewegungen heute möglich sind. Doch im industriellen Einsatz werden die Fähigkeiten an anderen Maßstäben gemessen.
„Die Fortschritte bei Agibot sind deutlich zu sehen, vor allem bei Bewegung und Stabilität. Für einen Industriebetrieb zählt am Ende aber, ob ein Roboter seine Aufgabe präzise erledigt und was es kostet, ihn dafür einzusetzen“, sagt Rouven Engbert, Customer Success & Project Manager bei Stratosfare.
Gerade bei der Handhabung von Bauteilen können zusätzliche Anforderungen entstehen. Unterschiedliche Werkstücke benötigen möglicherweise verschiedene Greifer oder Werkzeuge. Diese sogenannten Endeffektoren sitzen am Ende eines Roboterarms und bestimmen wesentlich mit, welche Gegenstände ein Roboter handhaben kann.
Auch Agibot entwickelt dafür unterschiedliche Greif- und Handsysteme. Während ein einfacher Greifer bei standardisierten Transportaufgaben ausreichen kann, benötigen filigrane Tätigkeiten möglicherweise eine aufwendigere Mechanik und zusätzliche Sensoren, beispielsweise um den Druck beim Greifen zu erfassen.
Damit stellt sich eine wirtschaftliche Frage: Wie flexibel ist ein humanoider Roboter tatsächlich, wenn für unterschiedliche Aufgaben spezielle Werkzeuge benötigt werden? Deren Entwicklung und Beschaffung verursachen Kosten. Hinzu kommen möglicherweise Verschleiß, Ersatzteile und der Aufwand für die Anpassung an neue Anwendungen.
Die Vielseitigkeit humanoider Roboter gilt als einer ihrer größten Vorteile. Je mehr technische Anpassungen eine konkrete Aufgabe erfordert, desto genauer müssen Unternehmen allerdings prüfen, ob eine spezialisierte Automatisierungslösung nicht wirtschaftlicher wäre.
Entscheidend ist deshalb nicht allein der Anschaffungspreis. Unternehmen müssen den gesamten Aufwand betrachten, von der Integration über den Betrieb bis zur Wartung und möglichen Umrüstung.

Die nächste Herausforderung liegt in der Intelligenz der Maschinen
Während sich die Hardware sichtbar weiterentwickelt, arbeiten die Hersteller zunehmend an der Software. Denn leistungsfähige Motoren, Gelenke und Sensoren reichen nicht aus, damit ein Roboter auch in unbekannten Situationen sinnvolle Handlungen ausführen kann.
Agibot entwickelt dafür eigene KI-Modelle, die unterschiedliche Fähigkeiten miteinander verbinden sollen. Dazu gehören die Wahrnehmung der Umgebung, die Verarbeitung sprachlicher Anweisungen und die Steuerung von Bewegungen. Eine wichtige Rolle spielen sogenannte Vision-Language-Action-Modelle. Sie verarbeiten visuelle Informationen und Sprache, um daraus Handlungen für Roboter abzuleiten.
Der Anspruch dahinter ist, dass Maschinen nicht für jede Tätigkeit vollständig neu programmiert werden müssen. Stattdessen sollen allgemein trainierte KI-Modelle Fähigkeiten bereitstellen, die sich für unterschiedliche Anwendungen nutzen lassen.
Dafür braucht es große Mengen geeigneter Trainingsdaten. Auch bei den Trainingsdaten verfolgt Agibot ehrgeizige Ziele. Bis Ende 2026 will das Unternehmen nach eigenen Angaben insgesamt zehn Millionen Stunden verwertbare Daten für die Entwicklung physischer KI gesammelt haben. Dazu sollen sowohl Daten realer Roboter als auch Daten gehören, die ohne vollständiges Robotersystem erfasst werden. Die Zahl beschreibt eine geplante Größenordnung, keinen bereits bestätigten Datenbestand.
Die Investitionen machen deutlich, dass sich der Wettbewerb längst nicht mehr nur um die leistungsfähigste Maschine dreht. Hersteller entwickeln zunehmend eigene KI-Modelle, Softwareplattformen und Dateninfrastrukturen, um die Fähigkeiten ihrer Roboter weiter auszubauen.
Wie schnell daraus Systeme entstehen, die unterschiedliche industrielle Tätigkeiten ohne aufwendige Anpassungen bewältigen, ist allerdings noch offen.

Für Unternehmen zählt, was der Roboter im Betrieb leistet
Agibots Entwicklung zeigt, wie schnell chinesische Hersteller humanoide Robotik in größere Produktionsstückzahlen überführen können. Das Unternehmen hat in kurzer Zeit unterschiedliche Roboterplattformen aufgebaut, eigene KI-Technologien entwickelt und erste Anwendungen außerhalb kontrollierter Vorführungen realisiert.
Für deutsche Industrieunternehmen ist das eine Entwicklung, die sie aufmerksam verfolgen sollten. Allerdings wäre es voreilig, aus den Produktionszahlen bereits einen breiten wirtschaftlichen Durchbruch humanoider Robotik abzuleiten.
In vielen Industriebetrieben funktionieren klassische Automatisierungslösungen zuverlässig und wirtschaftlich. Humanoide Roboter werden vor allem dort interessant, wo Aufgaben bislang nur schwer automatisiert werden können, etwa weil sich Arbeitsabläufe verändern oder vorhandene Umgebungen auf Menschen ausgerichtet sind.
Welche Anwendungen sich dafür eignen, untersucht auch das Technologie-Netzwerk it’s OWL. Gemeinsam mit dem Fraunhofer IEM ermöglicht die Initiative Stratosfare Unternehmen, unterschiedliche humanoide Robotersysteme kennenzulernen und ihren möglichen Einsatz in Produktion und Logistik zu bewerten. Unternehmen können dabei Erfahrungen bündeln, technische Grenzen kennenlernen und den Aufwand für konkrete Anwendungen besser einschätzen.
Mit dem Leitprojekt ENGAGE-KI greift it’s OWL die Entwicklung physischer KI auf und beschäftigt sich damit, wie neue KI-Technologien in industrielle Anwendungen und Engineering-Prozesse übertragen werden können.
Die Entwicklung bei Agibot verdeutlicht, wie schnell sich die technischen Möglichkeiten verändern. Der Showroom in Shanghai bietet dafür reichlich Anschauungsmaterial. Für Industrieunternehmen wird aber weniger entscheidend sein, ob ein Roboter Kaffee servieren, Bilder malen oder einen Hindernisparcours bewältigen kann.
Die wichtigere Frage lautet, welche Aufgaben er im eigenen Betrieb zuverlässig und zu vertretbaren Kosten übernimmt. An dieser Frage muss sich der weitere Fortschritt humanoider Robotik messen lassen.