
Dürfen Roboter ungefragt sprechen? Eine it’s OWL Studie zeigt, warum es keine Antwort für alle gibt
Humanoide Roboter laufen, greifen und sortieren Bauteile. Sie sollen künftig in Fabriken arbeiten und im Haushalt helfen. Der Wettbewerb konzentriert sich auf Beweglichkeit, Wahrnehmung und Künstliche Intelligenz. Doch bevor Roboter den Alltag erreichen, müssen Hersteller eine weniger spektakuläre, aber entscheidende Frage beantworten: Wann darf ein Roboter einen Menschen von sich aus ansprechen? Eine Studie aus dem it’s OWL Projekt Hybrid-Living zeigt, dass es darauf keine Antwort für alle gibt.
Lea öffnet Schranktüren und blickt sich suchend in der Küche um. Neben ihr steht der mobile Serviceroboter TIAGo. In einer Variante der Szene spricht sie ihn direkt an und bittet ihn, ihr Smartphone zu finden. In einer zweiten erkennt der Roboter ihre Anwesenheit und bietet allgemein seine Hilfe an. In der proaktiven Variante beobachtet er ihr Suchverhalten und fragt von sich aus: „Suchst du etwas?“
Die Aufgabe bleibt gleich, nur der Beginn des Gesprächs verändert sich. Genau diesen Unterschied haben Anargh Viswanath und Prof. Hendrik Buschmeier von der Universität Bielefeld untersucht. Für die Studie sahen 239 Teilnehmende sechs zufällig angeordnete Videos aus einer Küche, einem Wohnzimmer und einem Büro. Anschließend bewerteten sie, welche Form der Interaktion sie bevorzugen und was ihnen daran gefällt oder missfällt.
Die Ergebnisse wurden unter dem Titel „Desirability of Proactive Robots: A User Study on Spoken Interaction Initiation“ als wissenschaftlicher Beitrag veröffentlicht und auf der internationalen ACM/IEEE Conference on Human-Robot Interaction 2026 vorgestellt.
Die Mehrheit will die Kontrolle – aber nicht alle
130 der 239 Befragten bevorzugten die Variante, in der der Mensch das Gespräch beginnt. 54 entschieden sich für die proaktive Interaktion, 28 für das allgemeine Hilfsangebot des Roboters. Bei 27 Personen zeigte sich keine eindeutige Präferenz.
Die Zahlen sprechen gegen eine einheitliche Kommunikationsstrategie. Eine knappe Mehrheit betrachtet den Roboter vor allem als Werkzeug, das auf einen Auftrag warten soll. Ein relevanter Teil erwartet dagegen mehr: Der Roboter soll Situationen erkennen, Bedürfnisse voraussehen und im richtigen Moment Unterstützung anbieten.
In den offenen Antworten wird deutlich, wie nah Nutzen und Ablehnung beieinanderliegen. Wer den Roboter lieber selbst ansprach, betonte die eigene Kontrolle und den Schutz der Privatsphäre. Gleichzeitig wirkte diese Form der Kommunikation auf einige Befragte kühl, passiv und wenig hilfreich.
Die proaktive Variante wurde dagegen als aufmerksam, fürsorglich und natürlich wahrgenommen. Der Roboter erschien als Haushaltshelfer, der im richtigen Moment unterstützt und Bedürfnisse erkennt. Andere Teilnehmende empfanden dasselbe Verhalten als aufdringlich oder unheimlich. Wenn ein Roboter Suchbewegungen beobachtet und ohne ausdrückliche Aufforderung das Gespräch beginnt, entstehen unmittelbar Fragen nach Überwachung, Privatsphäre und Kontrolle.
Nicht Alter oder Geschlecht geben den Ausschlag
Für Hersteller ist vor allem ein zweites Ergebnis relevant. Alter, Geschlecht, bisherige Erfahrungen mit Robotern oder Sprachassistenten und die abgefragten Persönlichkeitsmerkmale lieferten in dieser Stichprobe keine durchgängig signifikante Erklärung für die unterschiedlichen Präferenzen.
In der gemeinsamen statistischen Auswertung blieb vor allem ein Faktor übrig: wie viel Interaktion sich eine Person grundsätzlich mit dem Roboter wünscht. Wer einen möglichst funktionalen Helfer erwartet, will häufiger selbst das Gespräch beginnen. Wer sich einen sozialeren und gesprächigeren Assistenten vorstellt, bewertet proaktive Unterstützung positiver.
Damit eignet sich die klassische Einteilung nach demografischen Merkmalen kaum als Grundlage für das Verhalten eines Roboters. Hersteller müssen Nutzer:innen vielmehr die Möglichkeit geben, die Eigeninitiative des Systems selbst festzulegen und später anzupassen.
„Die Branche spricht viel darüber, was humanoide Roboter künftig können. Für ihre Akzeptanz ist aber genauso wichtig, was sie dürfen. Ein System, das im falschen Moment eingreift oder das Gespräch beginnt, wird trotz guter Technik schnell als störend wahrgenommen. Hersteller müssen Eigeninitiative deshalb als einstellbare Produkteigenschaft behandeln“, sagt Prof. Hendrik Buschmeier von der Universität Bielefeld.
Eigeninitiative wird zur Produkteigenschaft
Aus der Studie lässt sich eine konkrete Entwicklungsaufgabe ableiten: Der Grad der Eigeninitiative sollte nicht unveränderlich im Verhalten des Roboters verankert sein. Denkbar sind unterschiedliche Interaktionsstufen – von einem funktionalen Modus, in dem der Roboter ausschließlich auf direkte Anfragen reagiert, bis zu einem aktiveren Assistenten, der Situationen erkennt und Hilfe anbietet.
Eine solche Anpassung darf allerdings nicht im Verborgenen stattfinden. Wenn ein Roboter Bewegungen, Gespräche oder wiederkehrende Verhaltensweisen auswertet, müssen Nutzer:innen erkennen können, welche Informationen er erfasst und warum er aktiv wird. Ebenso wichtig sind Möglichkeiten, Hilfsangebote abzulehnen, die Eigeninitiative zu reduzieren oder sie für bestimmte Situationen auszuschalten.
Diese Fragen betreffen nicht nur Haushaltsroboter. Auch in der Produktion müssen mobile Assistenzsysteme und humanoide Roboter entscheiden, wann sie Beschäftigte unterstützen, vor Fehlern warnen oder Aufgaben übernehmen. Zu viel Zurückhaltung begrenzt ihren Nutzen. Zu viel Eigeninitiative kann Abläufe stören und das Vertrauen in das System schwächen.
Was die Industrie aus der Küche mitnehmen kann
Im it’s OWL Projekt Hybrid-Living haben die Universität Bielefeld, Miele, Hettich und NEURA Robotics untersucht, wie Menschen, Roboter und ihre Umgebung zusammenspielen müssen. Neben dem Ein- und Ausräumen eines Geschirrspülers standen Möbel, Geräte, Bedienkonzepte und die Kommunikation mit dem Roboter im Mittelpunkt.
Die Studie konzentriert sich auf einen mobilen Serviceroboter in einem konkreten Alltagsszenario. Ihre zentrale Gestaltungsfrage reicht jedoch weiter: Überall dort, wo Roboter Menschen selbstständig ansprechen oder Hilfe anbieten, müssen Hersteller das richtige Maß zwischen Unterstützung und Einmischung finden.
Hinweis zur Studie und deren Ergebnisse
Die Teilnehmenden bewerteten vorproduzierte Videos und lebten nicht über längere Zeit mit einem Roboter zusammen. Für industrielle Anwendungen und andere Robotertypen liefert die Studie deshalb einen begründeten Gestaltungsansatz, aber noch keinen direkten Wirksamkeitsnachweis.