Digitaler Produktpass Summit: Warum Unternehmen jetzt an ihre Daten müssen

Kunden fragen Nachhaltigkeitsdaten schon heute an, Ausschreibungen verlangen belastbare Nachweise und in vielen Betrieben liegen die nötigen Informationen noch in verschiedenen Systemen, Abteilungen und Excel-Tabellen. Der Digitale Produktpass ist nicht mehr nur ein Thema für Regulatorik und Nachhaltigkeitsberichte. Er wird zur praktischen Aufgabe für Vertrieb, Service, Entwicklung und IT. Genau das zeigte sich beim Digitalen Produktpass Summit in Paderborn.

Bei WAGO, dem Mindener Anbieter von Verbindungs- und Automatisierungstechnik, ist dieser Druck bereits im Tagesgeschäft angekommen. Alexander Flekler, Circular Economy Manager bei WAGO, bringt das auf den Punkt: „Unsere Kunden verlangen Nachhaltigkeitsdaten jetzt. Oder besser schon gestern.“

Für WAGO ist der Digitale Produktpass deshalb nicht nur ein Regulierungsthema, sondern längst ein Business Case. Das Unternehmen stellt Produktdaten nicht mehr nur als PDF bereit, sondern so, dass andere Systeme sie direkt weiterverarbeiten können.

Dahinter steckt eine Herausforderung, die weit über einzelne Branchen hinausreicht. Unternehmen müssen Produktinformationen künftig so aufbauen, dass Kunden, Partner und Software-Systeme sie schnell nutzen können. Dr. Christian Koldewey, Projektkoordinator des it’s OWL Projekts GoProZero vom Heinz Nixdorf Insitut der Universität Paderborn, fasst das so zusammen: „Der digitale Produktpass ist kein reines Compliance-Thema mehr, sondern er ist ein strategisches Thema geworden. Der digitale Produktpass ist quasi die digitale Infrastruktur für die nachhaltige Wirtschaft.“

Wer seine Produktdaten sauber strukturiert, schaffe die Grundlage für Rückverfolgbarkeit, Recycling, neue Services und belastbare Nachhaltigkeitsnachweise.

Als einen „digitalen Container“ beschreibt Dr. Holger Berg vom Wuppertal Institut den digitalen Produktpass.

Vom Datensatz zur Datenaufgabe

Warum sich das Thema gerade so stark verändert, erklärt Dr. Holger Berg vom Wuppertal Institut, das zu nachhaltiger Transformation und Kreislaufwirtschaft forscht. „Der Digitale Produktpass ist nicht mehr nur ein Datensatz, sondern ein digitaler Container für produkt-, material- und komponentenbezogene Informationen.“ Hinter dem Begriff steckt ein einfacher Gedanke: Künftig reicht es nicht mehr, einzelne Angaben auf Anfrage zusammenzusuchen. Unternehmen müssen Daten zu Materialien, CO₂-Fußabdruck, Herkunft, Reparatur oder Entsorgung so ordnen, dass sie über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts verfügbar bleiben.

Damit wird aus einem Regulierungsthema eine Managementaufgabe. Berg empfiehlt Unternehmen deshalb, nicht abzuwarten. Wer vom DPP betroffen ist, sollte jetzt prüfen, welche Daten bereits vorliegen, wo Lücken entstehen und wie das eigene Datenmanagement aufgestellt ist. Gerade im Mittelstand ist das entscheidend, weil dort oft nicht die Einsicht fehlt, sondern die Zeit und die personelle Kapazität, das Thema später unter Druck sauber aufzusetzen.

Stark disuktiert: Die Themen des Digitalen Produktpass Summits wurden intensiv mit allen Beteiligten besprochen.

Ohne gemeinsame Regeln steigt der Aufwand

Sobald Unternehmen ihre Daten sortieren, stoßen sie auf die nächste Hürde: Standards. Sebastian Schröder von der Deutschen Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik beschreibt die Aufgabe der Normung so: „Wir versuchen das Ganze so einzufangen, dass die Normen und das Regelwerk möglichst einheitlich für die Unternehmen gestaltet werden.“ Dahinter steckt ein sehr praktisches Ziel. Wenn jede Branche andere Begriffe, Formate und Datenmodelle nutzt, wächst der Aufwand in den Unternehmen weiter. Standards sollen genau das verhindern und die Bürokratie beherrschbar halten.

Aus der Grundsatzfrage wird damit schnell eine Frage der Umsetzung. Stefan Schork vom ZVEI, dem Verband der Elektro- und Digitalindustrie, sagt, Unternehmen ließen sich am ehesten überzeugen, wenn Pilotprojekte zeigen, „dass durch die digitale Verfügbarkeit von Daten wirklich etwas passiert, idealerweise auch auf der Business-Seite“. Der Nutzen muss im Alltag sichtbar werden, nicht erst in der Verordnung.

Datenräume sollen Lieferketten einfacher machen

Sobald Informationen über viele Partner hinweg ausgetauscht werden müssen, reicht der Blick auf Standards allein nicht mehr aus. Dann rückt die technische Infrastruktur in den Vordergrund. Ulrich Ahle, Geschäftsführer Gaia-X, verweist in diesem Zusammenhang auf Datenräume als wichtige Grundlage.

Gemeint sind digitale Umgebungen, in denen Unternehmen Daten sicher und nach gemeinsamen Regeln austauschen können. „Datenräume helfen, die Anforderungen, die aus digitalen Produktpässen kommen, deutlich einfacher zu erfüllen, als wir das mit traditionellen Technologien können“, sagt Ahle. Gerade in Lieferketten mit vielen Beteiligten ist das wichtig, damit Informationen nicht mehrfach erfasst, per E-Mail verschickt oder in jedem System neu aufbereitet werden müssen.

Für Unternehmen zählt dabei noch etwas anderes. Der DPP ist zunächst ein regulatorisches Instrument. Seine Wirkung reicht aber tiefer. Wenn Unternehmen Daten neu strukturieren, Zuständigkeiten klären und Informationen über Unternehmensgrenzen hinweg nutzbar machen, verändert das nicht nur die Dokumentation, sondern ganze Abläufe in der Wertschöpfung.

Reger Austausch: In der Begleitausstellung und der Breaktout-Sessions vernetzten sich die Teilnehmenden.

In der Praxis beginnt der DPP oft kleiner als gedacht

Wie Unternehmen praktisch anfangen können, zeigt das Beispiel Böllhoff. Das Bielefelder Familienunternehmen entwickelt und produziert Verbindungselemente, Montagetechnik und Verarbeitungssysteme für die Industrie. Dort beginnt die Arbeit nicht mit einer großen Plattform, sondern mit einer Bestandsaufnahme: Welche Daten werden künftig gebraucht, wo liegen sie bereits vor, und wo fehlen Prozesse? Danach fokussiert sich das Unternehmen zunächst auf wenige Produkte, baut einen Datenkatalog auf und setzt daraus einen ersten Prototypen um. „Wichtig ist, frühzeitig anzufangen, klein anzufangen und die eigenen Daten erst einmal zu organisieren“, sagt Dr. Caroline Besse, Stoffdaten- und Compliancemanagerin bei Böllhoff.

Der Nutzen liegt für Böllhoff nicht nur in der späteren Pflichterfüllung. Wenn die Informationen einmal gebündelt vorliegen, lassen sich Anfragen schneller beantworten, der Vertrieb wird entlastet und Hotspots beim Product Carbon Footprint früher erkennen. Der DPP wird damit zu einem Werkzeug für den Alltag, nicht nur für den Bericht an Behörden oder Kunden.

Der digitale Produktpass ist nicht nur ein Muss, sondern eine Chance.

Dr. Mathias Wöhler, Kannegiesser.

Auch Kannegiesser setzt auf einen pragmatischen Einstieg. Der Anlagenbauer aus Vlotho, spezialisiert auf industrielle Wäschereitechnik, verbindet das Thema mit dem digitalen Zwilling und mit Daten aus dem laufenden Betrieb. „Der digitale Produktpass ist nicht nur ein Muss, sondern eine Chance“, sagt Dr. Mathias Wöhler von Kannegiesser. Diese Informationen fließen zurück in Konstruktion und Service. So hilft der DPP nicht nur bei der Dokumentation, sondern auch dabei, Auffälligkeiten früher zu erkennen, Komponenten besser auszuwählen und neue Geschäftsmodelle vorzubereiten.

Begrüßung der über 120 Teilnehmenden des Digitalen Produktpass Summit mit (von links): Dr. Christian Koldewey (Heinz Nixdorf Institut der Universität Paderborn) zusammen mit Dr. Arno Kühn (Fraunhofer IEM, it’s OWL).

Ein QR-Code allein löst das Problem nicht

Spätestens bei der technischen Umsetzung zeigt sich, wie anspruchsvoll das Thema tatsächlich ist. Aus Sicht von Christopher Edwards von Spherity, einem Lösungsanbieter für digitale Identitäten und Produktdaten, unterschätzen viele Unternehmen den Aufwand, weil der Einstieg zunächst einfach wirkt: Daten aus bestehenden Systemen ziehen, QR-Code erzeugen, fertig. „Die Realität sieht leider ein bisschen anders aus.“ Der Digitale Produktpass ist aus seiner Sicht ein „lebendiges Konstrukt“ mit dynamischen Daten und laufenden Aktualisierungen. Produkte werden genutzt, gewartet, weiterverkauft oder anders eingesetzt. Der DPP muss solche Änderungen verlässlich abbilden können.

Für Unternehmen liegt die wichtigste Erkenntnis deshalb nicht in Brüssel, sondern im eigenen Haus. Der Digitale Produktpass beginnt nicht mit dem QR-Code am Ende des Prozesses. Er beginnt dort, wo Daten heute verteilt liegen, Zuständigkeiten unklar sind und Kunden trotzdem schnelle, belastbare Informationen erwarten. Wer früh anfängt, verschafft sich nicht nur mehr Sicherheit bei künftigen Pflichten. Er verbessert auch Marktzugang, Transparenz und die Grundlage für neue Services. Genau das macht den DPP vom Regulierungsthema zur Wettbewerbsfrage.

Impressionen vom Digitalen Produktpass Summit 2026

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